Die soziale Psychologie Alfred Adler’s (Individualpsychologische Aspekte) - AAI Generationen und Alter

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Die soziale Psychologie Alfred Adler’s (Individualpsychologische Aspekte)

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Altern erfordert ein ganzheitliches Menschenbild
Der alternde Mensch als unteilbare Einheit von Leib und Körper, Geist und Seele steht mit seiner Umwelt in einer engen Wechselbeziehung. Wenn das Altern - wie das Leben - als lebenslanger Prozess von Wandel und Entwicklung verstanden wird, wirkt diese Einstellung ermutigend. Sie vermittelt die Zuversicht, dass auch im Alter - trotz der immer spürbaren Endlichkeit - noch Veränderung und Entwicklung möglich sind und Ziele angestrebt und umgesetzt werden können …
… Im Alter werden die Menschen in gewissem Masse auf sich selbst zurückgeworfen, müssen mit vielen Herausforderungen klar werden und haben dabei nicht mehr die positive Ablenkung der jüngeren Jahre. Sie sind mit ihren Gedanken deswegen oft alleine, werden mit Veränderungen und körperlichen, seelischen, geistigen und sozialen Verlusten konfrontiert, die schwer zu ertragen sind, und auch mit Gefühlen der Wertlosigkeit und des „Nicht-mehr-gebraucht-Werdens“ …
… Das Gefühl der Angst, auch im Hinblick auf das Spüren der eigenen Vergänglichkeit, kann bedrohlich werden; einige alte Menschen sehen deshalb keinen Sinn mehr in ihrem Dasein. Gerade in diesen Situationen ist Ermutigung sehr wichtig. Sie besteht im Wesentlichen darin, den alten Menschen anzunehmen wie er ist, ihn mit einem freundlichen Blick anzuschauen, ihm Vertrauen, Achtung und Wertschätzung entgegenzubringen und auf der Basis einer gleichwertigen Beziehung sichtbar zu machen, was er für andere Menschen bedeutet und welche Vorbildfunktion er allenfalls für Jüngere hat …

Die Individualpsychologie von Alfred Adler (1870-1937) …
… geht wie die Gerontologie davon aus, dass der Mensch bis ans Ende seines Lebens lern- und entwicklungsfähig ist. Zudem steht sie für ein positives Menschenbild, da Adler davon überzeugt war, dass ein ermutigender Mensch generell bestrebt ist, sein Leben für sich und andere Menschen gewinnbringend zu gestalten. Mut und unerschütterliches Vertrauen in sich selbst, sowie die Einfühlung in Mitmenschen waren für ihn die entscheidenden Werte. Was das natürliche Wachstumspotential im Menschen zur Entfaltung bringen, kann ist Ermutigung …
… Menschen haben zudem das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, d.h. nach einem festen Platz in der menschlichen Gemeinschaft und der damit verbundenen Wertschätzung und Akzeptanz. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist ein „sich dazugehörig fühlen“, Geborgenheit zu spüren und das Gefühl, ein Teil des Ganzen zu sein. Es ist eine Voraussetzung, damit wir uns auf neue Herausforderungen des Lebens einlassen können. In der Individualpsychologie ist das Gemeinschaftsgefühl der Gradmesser für seelische Gesundheit - sind doch ein starkes Selbstvertrauen und persönlicher Mut wichtige Eigenschaften um im Leben gut bestehen zu können …
… Mut zu haben bedeutet, sich vertrauensvoll dem Leben zuwenden zu können. Vertrauen und Glauben in sich und die anderen Menschen zu haben und überzeugt zu sein, dass das Leben sinnvoll und gestaltbar ist. Das Leben ist nicht ohne Schwierigkeiten, aber wenn wir darauf vertrauen, dass wir mit Fähigkeiten ausgestattet sind, um Probleme angehen und lösen zu können, werden wir nicht von Angst gelähmt. Mut zu haben bedeutet jedoch nicht keine Angst oder keine Zweifel zu haben, sondern vielmehr, sich diesem Gefühl zu stellen und zu lernen, trotzdem „Ja“ sagen zu können und damit umzugehen …
… Mutige Menschen sind optimistische Menschen, die überzeugt sind, das Beste aus jeder Situation zu machen. Menschen, die eine Hoffnung in sich tragen, die es erlaubt, das Un-Mögliche statt dem Gewohnten zu denken um frei und offen zu sein für Kreatives. Daraus spricht auch das Vertrauen in sich und in andere Menschen, sowie in die gegenseitige Kompetenz, die Aufgaben des Lebens eigenverantwortlich, aber auch als Gemeinschaft lösen zu können und zu wollen

Mut ist die Grundlage für die ERMUTIGUNG
Ermutigung ist dabei keine Technik, sondern eine Haltung, welche sich dadurch auszeichnet, wie ich mich selbst und andere Menschen wahrnehme und ihnen begegne. Durch Ermutigung kommt ein Prozess in Gang, der dazu führt, dass der Empfänger mehr an sich und seine Möglichkeiten und Kompetenzen glaubt. Ermutigung heisst, Menschen zu unterstützen, ihre ungenutzten Fähigkeiten, Potenziale oder Ressourcen zu entdecken und zur Entfaltung zu bringen … jeden Menschen primär von seinen Ressourcen wahrzunehmen bedingt, den Blick nicht auf das Defizitäre zu richten, sondern auf das Positive zu achten, auf das, was funktioniert …
… Als Ermutigung können wir jedes Zeichen der Aufmerksamkeit ansehen, das uns selbst oder andere Menschen Mut macht und in der Entwicklung fördert … Theo Schoenacker (2012) formuliert dies folgendermassen: „Wenn ich dich anschaue, berühre, ein gutes Wort der Anerkennung sage, dich sein lasse, wie du bist, dich in deinen eigenen Absichten bestärke oder dich anlächle, und du fühlst dich dadurch besser, dann war das, was ich tat, eine Ermutigung für dich. Ermutigung erwirkt in dir eine Änderung der inneren Haltung. Ermutigung erhöht dein Gefühl von Selbstachtung, stärkt den Glauben an deine eigenen Fähigkeiten …“
… Ermutigung bedeutet, dem alten Menschen echtes Interesse entgegenzubringen, zuzuhören, Gefühle wahrzunehmen und sie anzusprechen, damit allfällige Ängste an- und ausgesprochen werden und die bedrohlichen Erfahrungen mit dem alternden Körper zugelassen und reflektiert werden können. Dadurch kann es gelingen, Wege zu finden, um das Schmerzliche und Begrenzende nicht nur als Last zu erfahren, sondern auch Erlebnisse von Daseinslust zu empfinden und Chancen für die eigene Entwicklung zu entdecken und zu nutzen. Das Erleben der Freude und Dankbarkeit ist eine zentrale Ressource, die auch in schwierigen Zeiten trägt. Deshalb gilt es auch mit älteren Menschen gemeinsam nach Quellen der Freude und Dankbarkeit zu suchen um ihnen dadurch positive Leiberfahrungen zu ermöglichen, schmerzhafte Beziehungs- und Vertrauensbrüche zu akzeptieren oder mit Personen Kontakt aufzunehmen, damit nach langer Zeit des Schweigens Dinge ausgetragen oder Schmerzhaftes ausgesprochen werden kann …
… Ermutigung kann bedeuten, von unausgesprochenen Erwartungen oder von Vorstellungen, wie etwas sein soll, loszulassen. Statt sich auf das Machbare zu konzentrieren, wird manchmal krampfhaft versucht, Dinge, die wir eigentlich willentlich nicht beeinflussen können, zu erreichen oder an ihnen festzuhalten. Dies braucht viel unnötige Energie und Kraft; die Vergangenheit lässt sich nicht verändern, aber im Hier und Jetzt lässt sich das eigene Leben gestalten. Ermutigung kann nun bedeuten, die Realität und das „Sein“ zu akzeptieren und eventuell die Einstellung dazu zu ändern, die unveränderliche Tatsache des Alterns anzunehmen - Altern als Lebensaufgabe anzunehmen und sich ihr zu stellen, braucht jedoch Mut. Gleichzeitig birgt sie die Chance, sich bis zu Letzt zu entwickeln und am Leben zu wachsen …

Das Gemeinschaftsgefühl beinhaltet kognitive und emotionale Verhaltenskompetenzen
In dem Masse wie das Gemeinschaftsgefühl zunimmt, nehmen Minderwertigkeitsgefühle und die Angst vor Ablehnung und Mangel an Anerkennung ab. Gerade im Alter werden die Zweifel am eigenen Wert jedoch grösser, wenn der alternde Körper einem immer mehr einschränkt, schmerzt, nicht mehr Leistung erbringt wie in früheren Jahren, und sich dadurch das Gefühl der Nutz- und Sinnlosigkeit einstellt. Der Radius wird kleiner, vertraute Menschen verschwinden und das Gefühl des Dazugehörens schwindet. Für Adler war klar, dass für die Lösung der Probleme der Menschen ein gewisser Grad an Gemeinschaftsgefühl für die Menschheit und für die Gemeinschaft sowie die Fähigkeit zur Mitarbeit und Menschlichkeit vorausgesetzt sind …
… Menschen suchen nach Beziehungen, in denen sie sich verbunden, aber auch frei fühlen und ihre Fähigkeiten einbringen können. Alte Menschen sind auf verbindliche, soziale Beziehungen angewiesen, um sich weiterhin sozial eingebettet fühlen zu können - besonders wenn das eigene Beziehungsnetz durch Verluste „bröckelig“ wird. Sie möchten sich zugehörig, kompetent und selbstwirksam erleben - auch dann, oder eben gerade dann, wenn vieles nicht mehr selbstverständlich möglich ist …
… Es gilt dabei Situationen zu schaffen, zu denen sie beitragen, sich einbringen, Verantwortung übernehmen, selbst entscheiden, sich gestaltend erleben und Lust am Dasein erfahren können. Dies trägt zu ihrer Zufriedenheit bei, stärkt ihr Selbstwertgefühl und die Belastungen des Alters können dadurch ausgeglichen werden. Im Alter ist es nämlich wichtig, sich nicht nur um sich selbst zu kümmern, sondern ermutigt zu werden, den reichen Erfahrungsschatz - auch in der Gestaltung von Beziehungen gegen aussen - weiterhin zu leben, um so mit anderen Menschen verbunden zu sein …
… Das Gefühl der Zugehörigkeit und der sozialen Teilhabe sind wichtige Faktoren zur Sinnfindung und Bestätigung der Identität, und müssen unbedingt unterstützt und gefördert werden - auch bei hoch betagten oder an Demenz erkrankten Menschen.
(vgl. Doris Herzog in „Körper- und leiborientierte Gerontologie“ von Susanne Blum-Lehmann)
... weiterführende Informationen zu Grundlagen und Ziele der Individualpsychologie > hier
 
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